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„Potz Schwertfisch und Tausend Aale"

Am Ende der Welt, wo Meereswogen gegen weiße Kreidefelsen branden, lebten zwei graue Raben. Der ältere hieß Karl Maar oder einfach Ka-Ma. Vor kurzem hatte er an einer altehrwürdigen europäischen Hochschule seinen Abschluss gemacht. Für seinen Lerneifer erhielt er auch eine Auszeichnung – das blaue Gelehrtenband. Als gebildeter Rabe brachte Ka-Ma viel Zeit mit Büchern zu. Wenn sie ihm langweilig wurden, fing er an lustige, kleine Abzählreime zu dichten. Besonders laut konnte sein Nachbar darüber lachen, Kai Kurz oder kurz Ka-Ku. Er war zwar einen ganzen Kopf größer als Ka-Ma, aber vier Jahre jünger. Der jüngere Rabe las nicht gern und sagte stattdessen häufig: «Warum soll ich denn lesen? Das Leben ist auch ohne Bücher reich an spannenden Abenteuern. Kaum verlasse ich mein Nest, schon bin ich mittendrin. Und Lesen ist ja so mühsam – Buchstabe für Buchstabe, Zeile für Zeile, Seite für Seite. Da verdirbt man sich doch die Augen. Und die Frisur auf dem Kopf, die verdirbt man sich gleich mit, jawohl!»

Kaum schlugen die Glocken im spitzen Kirchturm zu Mittag, flogen die beiden Raben auch schon auf den Gipfel des Kreidefelsens. Von dort hatten sie freie Sicht auf den Hafen, wo die Schiffe einliefen, auf den Zoo, wo ihre tierischen Freunde lebten und auf die städtische Schule mit ihren fröhlichen Schulkindern. Alles hier hatten sie von Herzen gern. Daher wollten die beiden Raben auch nie von Zuhause fort. Nie wäre ihnen eine Reise in den Sinn gekommen, geschweige denn eine Weltreise. Nie im Leben! Doch eines Tages brach der Ärger über ihr friedliches Städtchen herein. Auf den ersten Blick schien es sich um ein ganz gewöhnliches Ärgernis zu handeln. Aber es veränderte das Leben im Städtchen so stark, dass es zu einer richtigen Plage wurde. Was war geschehen? Ein Schwarm junger Krähen war geräuschvoll in das friedliche Städtchen eingezogen. Ein Schwarm wilder, pechschwarzer Krähen! Und die führten sich auf wie die Räuber. Vielleicht weil sie nie zur Schule gegangen waren, geflogen, genauer gesagt. Vielleicht wussten sie sich deshalb nicht zu benehmen? Im ganzen Städtchen, auf den Straßen und im Kiefernwald war nur noch ihr Geschrei zu hören. Bald machten sie aufeinander Jagd und rupften sich gegenseitig brutal die Federn aus. Dann wieder stiegen sie wie mit verkeilten Flügeln in die Höhe und verdunkelten als finstere Gewitterwolke den klaren Himmel. Flogen sie über den Zoo, riefen sie mit verstellter Stimme: «Gack-gack!», «Quak-quak!», «Määäh!», «Grunz-grunz!». So wollten sie Enten, Hüpffrösche, Bergziegen und Wildschweine ärgern. Der wilde Schwarm konnte aber auch ganz still werden. Das geschah regelmäßig, wenn ein mit Weizen beladenes Frachtschiff im Hafen einlief. Die weiße Möwe Papp-Maschee gab allen mit einem lang gezogenen Schrei Bescheid. Tagelang stand sie auf einem Pfahl, der an der Hafeneinfahrt aus dem Wasser ragte. Von hier aus beobachtete sie ohne zu blinzeln die Schiffe. Papp-Maschee flog nur selten. Wenn es ihr doch einmal einfiel, dann sah sie dabei eher wie ein Papierflieger aus und nicht wie ein echter Vogel. So war sie auch zu ihrem Namen gekommen: Papp-Maschee, das hatte etwas von Pappe mit ein bisschen Papier.

Die beiden Raben standen auf dem Gipfel des Kreidefelsens, als sie den Schrei der weißen Möwe hörten. Ka-Ku fuhr zusammen. «Ach, unsere Papp-Maschee tutet lauter als ein Nebelhorn!», rief der jüngere Rabe und richtete seine Frisur wieder her, die vor lauter Schreck verrutscht war. Ka-Ku trug stets eine schmucke Tolle. Voller Stolz pflegte er zu sagen: «Ich bin der schmuckste Rabe an der ganzen Küste!» Karl Maar hatte einmal folgenden Vers auf seinen schmucken Nachbarn gedichtet:

«Eins, zwei, drei! Wie ein gepelltes Ei!
Guck, Ka-Ku ist schmuck. Samtige Brust und schmuckvolle Tolle.
Sechs, fünf, vier! Bläst der Wind. Und die Tolle wird geschwind zu Wolle!»
«Du hast Recht, lieber Ka-Ku!», lächelte der ältere Rabe. «Unsere Möwe tutet am lautesten! Hast du gemerkt, dass die Räuber verschwunden sind, sobald Papp-Maschee mit ihrem Schrei das Schiff angekündigt hat? Als hätte ein Orkan sie alle fort geblasen!» «Dafür sind sie jetzt wieder zwei Tage still», erwiderte Ka-Ku, der immer noch mit seiner Frisur beschäftigt war. «Was sie hier im Hafen treiben, gefällt mir aber gar nicht. Fremdes Futter in solchen Mengen zu stehlen, ist einfach unerhört!» rief der ältere Rabe empört. «Diese Vögel sind die reinsten Vielfraße! Sie schlagen sich ihre Vogelbäuche voll, als wären es Güterwaggons!» beklagte sich auch der jüngere Rabe und seufzte tief.

Und tatsächlich, den ganzen folgenden Tag saßen die wilden Krähen nur in den Baumkronen. Sie schaukelten auf den schwingenden Zweigen und starrten mit weit aufgerissenen, leeren Augen die vorbeiziehenden Schäfchenwolken an. So schwer waren sie geworden, dass sie sich einfach nicht zum Himmel erheben konnten. Damit herrschte wieder Ruhe im Städtchen. Und im Hafen zählte man den ganzen Tag die Verluste, die durch die Korndiebe entstanden waren. Der Weizen war für Afrika bestimmt. Er wurde dort sehnlichst erwartet.

Auch die Schulkinder hatten unter dem bösen Schwarm nicht wenig zu leiden. Eines Tages klagten sie Karl Maar und Kai Kurz ihr Leid. «Gestern haben die Krähen so ein Geschrei gemacht, dass wir die Hausaufgaben nicht mitbekommen haben. Also haben wir auch keine gemacht und waren nicht für die nächste Stunde vorbereitet.»
«Vorgestern waren die wilden Vögel so laut, dass wir die Schulglocke überhört haben. Wir haben auf dem Schulhof weitergespielt und sind nicht zurück in die Klasse gegangen.»
«Der Vogelschwarm hat unseren ganzen Schulhof voll gekleckst! Auch die Schaukeln und die Bänke!»
«Wir können nirgends mehr laufen, springen und spielen! Und alles nur, weil die Krähen so tief fliegen. So wollen die uns erschrecken.»

Die Schulkinder waren natürlich alles andere als faul. Naja, höchstens ein ganz kleines bisschen. Die Schauergeschichten hatten sie sich nicht einfach ausgedacht, weil sie keine Hausaufgaben machen wollten. Oder, schlimmer noch, weil sie die Schule schwänzen wollten. Sie hatten es wirklich nicht leicht. «Ach, die armen Kinder!» rief Kai Kurz kopfschüttelnd. Dabei kippte ihm die Tolle wieder um.

«Das wird ein hartes Stück Arbeit, bis wir diese Bösewichter vom Schulhof vertrieben haben», sagte Karl Maar. Die beiden Raben mochten die Kinder und hatten aufrichtiges Mitleid mit ihnen. Sie hatten den Kleinen schon so manches Mal aus der Patsche helfen müssen. Vor kurzem hatte ein Junge die Taschenlampe verloren, die ihm sein Großvater geschenkt hatte. Die kostbare Lampe war aber wichtig, vor allem wenn es nach Herbstanfang früher dunkel wurde. Deshalb machte der Bursche dann auch einiges durch. Manchmal fand er seine Straße nicht und kam erst kurz vor Mitternacht zu Hause an. Daraufhin durchkämmten Karl Maar und Kai Kurz den Wald und fanden heraus, dass Frau von Diebenstahl, die Elster, die Lampe geklaut hatte. Sie führten ein ernstes Gespräch mit der Elster und verlangten, dass sie dem Jungen das gute Stück zurückbringen sollte. Und sich entschuldigen. Sie versprach außerdem, sich in Zukunft von fremdem Eigentum fernzuhalten. Aber Frau von Diebenstahl glaubte man schon lange nicht mehr.

Auf die Klagen der Kinder hin legte Ka-Ma die Stirn in Falten. Dann lief er neben dem Schulhof auf und ab und auf und ab. Der ältere Rabe dachte angestrengt nach. Dabei sträubten sich die kleinen Federn um seine Augen. Schließlich rückte der gelehrte Rabe das blaue Band über seiner Brust zurecht und sagte: «Liebe Kinder, es gibt immer einen Ausweg. Selbst aus einer Sackgasse. Man muss ihn nur finden. Und was ist dafür zuallererst zu tun?»
«Das wissen wir nicht!» riefen die Kinder, dass es durch die ganze Schule hallte. Sie übertönten sogar das Schulorchester, das gerade ein neues Stück einstudierte. Der Musiklehrer konnte nicht einmal mehr die Trompeten hören. «Wir müssen die Ruhe bewahren! Kluge Gedanken nisten nämlich am liebsten in ruhigen Köpfen», erklärte Ka-Ma
«In ruhigen Köpfen mit schmucken Frisuren!» ergänzte Ka-Ku und hielt sich einen Flügel über den Kopf, um weitere Unfälle zu verhindern.

Nachdem sie die Schulkinder beruhigt hatten, machten sich die beiden Raben am nächsten Morgen auf, mit dem Anführer des Schwarms zu verhandeln. «He, Jungs, wer ist der Älteste von euch?» fragte Ka-Ma finster. Da sprangen ihm gleich zwei zerzauste Vögel entgegen, offenbar Zwillingsbrüder. Sie rissen die Schnäbel auf und schrieen gleichzeitig: «Ich!» Dann rupften sie einander die Federn aus. Die ausgerissenen schwarzen Federn senkten sich gemächlich zu Boden wie schwarze Schneeflocken.
«Halt! Halt! Was ist das denn? Zwei Anführer auf einmal? Das geht doch nicht! Herrscht vielleicht deshalb so eine Unordnung bei euch?» fragte Karl Maar. «Ich bin vor ihm ausgeschlüpft! Also bin ich der Erste! Ich bin der Älteste!» rief die eine Krähe. «Ich habe aber zuerst an die Schale geklopft! Also bin ich der Ältere! Ich bin der Anführer!» zeterte die andere. «Dafür habe ich als erster die Luft der weiten Welt geatmet, also bin ich der Erste!» setzte die erste wieder nach. «Aber als ich an die Schale geklopft habe, ist sie gesprungen. Ich habe also als Erster das Licht der Welt erblickt. Ich bin der Erste!» Die Zwillinge hätten wohl noch lange weitergezankt, sich berupft und beharkt. Zum Glück konnten Karl Maar und Kai Kurz sie schnell zur Ruhe bringen. Da hörten die schwarzen «Schneeflocken» auf zu rieseln.
«Jungs, wir wissen, dass ihr gerne Weizen mögt. Den Weizen, der auf Schiffe verladen und nach Afrika geschickt wird. Deshalb seid ihr doch in unser Städtchen gekommen? Hab ich Recht?» begann Ka-Ma ganz unverfänglich. Daraufhin krächzten die beiden Anführer in einem fort: «Kra-kra! Jaja!» Und der Morgenhimmel über der friedlichen Stadt war wieder von ihrem wilden Geschrei erfüllt. Sogar die Sonne lief vor Empörung rot an und verzog sich gleich hinter die Wolken. So musste sie die Rabauken wenigstens nicht mehr sehen!
«Jungs, ihr seid zum ersten Mal in unseren Breiten und kennt den nordischen Winter noch nicht!» unterbrach sie Karl Maar. Und Ka-Ku erklärte ihnen aufgeregt: «Unsere Winter sind hart und kalt. Rau und eisig! Karl Maar und ich werden vor Kälte taubengrau!» Die beiden Raben hatten vereinbart, den Winter in besonders düsteren Farben zu malen, um die wilden Vögel zu ängstigen. Beim Wort «Tauben» ging ein Grummeln durch den Schwarm. Friedliche Vögel konnten die rauflustigen Burschen nicht leiden. Alles Friedfertige war ihnen zuwider. Aber Kai Kurz schwindelte ungerührt weiter: «Im Winter ist das Meer von einer dicken Eisschicht bedeckt. Kein Schiff kommt mehr zu uns durch! Und die Möwen … die armen Möwen! Sie finden im Wasser kein Futter mehr, könnt ihr euch das vorstellen?»
So düster war das Winterbild ausgefallen, dass Kai Kurz selbst plötzlich angst und bange wurde. Es war ganz in den Farben von Kälte und Hunger gehalten. Der jüngere Rabe konnte gar nicht mehr weiterreden, er musste erst einmal tief durchatmen. Da ergriff Karl Maar das Wort, der sich auch nur wundern konnte, wie glatt ihnen die Lügen aus dem Schnabel kamen. «Und erst die armen Enten im Zoo! Sie können nicht mehr schwimmen und tauchen! Die Teiche sind ja auch zugefroren. Dann müssen die Ärmsten tagelang durch den schweren Tiefschnee stapfen. Als wären sie keine stolzen Wildenten, sondern Hühner vom Lande!» Bei diesen Worten brachen die jungen Krähen in schadenfrohes Gelächter aus. Nützliche Vögel konnten die rauflustigen Burschen nicht leiden. Alles Nützliche war ihnen zuwider. So beschrieb Karl Maar die Schrecken des Winters. Er sprach sehr langsam, damit die Krähen auch alles verstanden und ja kein Wort verpassten: «Und hastdunichtgesehen fangen die Wildenten an zu gackern und zu krähen. Und ihr Ärmsten werdet in unserem harten Winter einfach auf den Rücken plumpsen, mit dem leeren Bauch nach oben. Schluss, aus! Das ist das Ende für euren Schwarm!» «Ist das auch nicht gelogen?» fragten die beiden Anführer sichtlich erschrocken. Die Vögel, die sich von Straßenschlachten, Beulen auf dem Kopf oder ausgerupften Federn nicht schrecken ließen, hatten Angst vor leeren Mägen. Ka-Ma und Ka-Ku schüttelten eifrig die Köpfe und riefen: «Nein! Nein!» Dabei hielten sie heimlich die Flügel auf ihrem Rücken über Kreuz. Aber so, dass es niemand merkte. Sie hatten schon mehrmals beobachtet, wie Kinder heimlich zwei Finger kreuzten, wenn sie nicht die Wahrheit sagten. An diesen Kindern nahmen sich die Raben nun ein Beispiel. Bei den schrecklichen Wintergeschichten war der lärmende Krähenschwarm ganz still geworden. Ihre Großspurigkeit war wie weggeblasen. Dabei war es gerade erst die schönste Erntezeit und der Winter noch in weiter Ferne. «Was sollen wir tun?» fragte tonlos der erbleichte Anführer, der als Küken zuerst gegen die Schale geklopft hatte. «Wie geht es jetzt weiter?» stotterte kaum hörbar der andere Anführer, der als Erster seinen Kopf aus dem Ei gestreckt hatte.

«Wir hätten da eine Idee», sagte Ka-Ma gedehnt, «wir wissen allerdings nicht, ob ihr auch mutig genug dafür seid.» «Haha! Wir sind doch mutig bis zum Gehtnichtmehr!», krächzten die beiden Anführer hochmütig. «Und seid ihr auch wirklich bereit, mit einem Schiff aufs offene Meer hinauszufahren? Einem bis obenhin mit Getreide beladenen Schiff?» wollte KA-MA wissen. «Mit frischem, feinstem, fettem Korn? Viel mehr, als man je fressen könnte?» legte Ka-Ku nach. Den Krähen in den Wipfeln der hohen Kiefern tropfte das Wasser aus den Schnäbeln. Wäre gerade jemand unter diesen Bäumen spazieren gegangen, er hätte bestimmt gerufen: «Oh, es tröpfelt. Zu dumm, dass ich keinen Regenschirm dabei habe!»

Da ertönte wieder Papp-Maschees durchdringender Schrei – das nächste Schiff lief ein. Der ganze Krähenschwarm eilte mitsamt Karl Maar und Kai Kurz zum Hafen. Dort wurde gerade eifrig Korn in den Laderaum des neuen Schiffes gefüllt. Der Kran quietschte, und die Wagen fuhren ratternd das Getreide zur Kaimauer. Da verlangten die beiden Anführer plötzlich, Karl Maar und Kai Kurz sollten sie begleiten. Bis nach Afrika! Das hatten die beiden Raben nun aber gar nicht vor. Sie wollten nicht auf Reisen gehen, schon gar nicht ins ferne Afrika. Niemals! Was war das überhaupt für eine Reise ohne Rucksack und Kompass? Und dann mit diesen Mitreisenden? Nein danke, nur das nicht. Ka-Ma und Ka-Ku lehnten dankend aber entschieden ab.

«Was?» rief der eine Anführer. «Wenn man im Winter nur hungern und frieren kann, was wollt ihr dann hier? Kommt mit!» «Was?» grölte auch der andere Anführer. «Ihr wollt nicht mitkommen? Dann habt ihr wohl doch gelogen? Damit ihr die ganze Weizenernte für euch habt!»

Ka-Ma und Ka-Ku wollten sich rechtfertigen. Aber der erste wilde Zwilling drohte: «Entweder ihr kommt mit oder wir bleiben hier!» «Und das ist mein letztes Wort!» fügte der zweite Zwilling drohend hinzu, Widerspruch war zwecklos. Karl Maar und Kai Kurz flogen mit dem Krähenschwarm aufs Oberdeck. Kurz darauf stieg dunkler Rauch aus den beiden Schiffsschornsteinen auf. Mit drei lang gezogenen Signalen verabschiedete sich der Kapitän vom Hafen. Mit einem leichten Ruck legte das Schiff ab. Zunächst fuhr es ruhig dahin. Dann nahm es immer mehr Fahrt auf.

©2011 Marina Loose